Husserl und Fink zur phänomenologischen Einstellung: Habitualisierung und Haltung

Telechargé par hanna.hueske
– »Alles Leben ist Stellungnehmen« –
Überlegungen zur Habitualisierbarkeit der phänomenologischen Einstellung
–––––
Hanna Hueske (Göttingen)
Abstract. In Philosophie als strenge Wissenschaft (1911) postuliert Husserl eine gegenüber
den natürlich eingestellten Weltanschauungsphilosophien ganz andersartige
phänomenologische Einstellung, von deren »Konsequenz und Reinheit [...] [die]
Einstimmigkeit oder Widersinnigkeit der hier zu führenden Untersuchungen durchaus
ab[hängt]«1. Letztere ist nur zu erreichen, wenn die neuartige Einstellung habitualisierbar ist,
also über eine ausgedehnte Zeitspanne hinweg als Berufs- und Lebenseinstellung geübt
werden kann. Offenbar nimmt Husserl an, dass in der konsequent gelebten
phänomenologischen Einstellung keine Gefahr besteht, die für die natürliche(n)
Einstellung(en) typischen »Scheuklappen« auszubilden. In Teil I des vorliegenden Essays
untersuche ich vor diesem Problemhintergrund das Verhältnis von Stellungnahme und
Einstellung bei Husserl, das dazu nötigt, den operativen Begriff des Themas, das laut Husserl
die Habitualisierbarkeit der natürlichen Einstellungen garantiert, anders zu interpretieren, als
Husserl es tut.
Ansätze zur Neuinterpretation dessen, was philosophisches Thema sein kann und soll, finden
sich in Eugen Finks Überlegungen zur Methodologie des phänomenologischen
Sprachgebrauchs. In Teil II schlage ich daran anschließend eine Bestimmung der
phänomenologischen als »operative« Einstellung vor, welche die Scheuklappengefahr
umgeht und zugleich die kritische Aufgabe der transzendentalen Phänomenologie zu erfüllen
vermag. Ein Ausblick auf Finks eigene Notizen zur »Einstellung des Staunens« bildet den
Abschluss.
–––––
1 Hua XXV, 31.
– »Alles Leben ist Stellungnehmen, alles Stellungnehmen steht unter einem Sollen [...].«2
–––––
I. Husserls »kurzer Weg« zum Sollen
»Alles Leben ist Stellungnehmen«: Wenn zum Leben mindestens ein Ich gehört und »das Ich
im eigentlichen Sinne, das Ich der ›Freiheit‹, das aufmerkende, betrachtende, vergleichende,
unterscheidende, urteilende, wertende, angezogene, abgestoßene, zugeneigte, abgeneigte,
wünschende und wollende: das in jedem Sinne ›aktive‹, stellungnehmende Ich«3 ist, ist dieser
Grundsatz selbstverständlich. Fraglicher ist die zweite Hälfte des Satzes: »[A]lles
Stellungnehmen steht unter einem Sollen«. Ein Stellungnehmen, das sich nicht auf die Sphäre
geltungsbetroffener Urteile beschränkt, sondern sogar das bloße Betrachten umfasst, fordert
einen entsprechend weiten Begriff von Sollen, der einer Erklärung bedarf. Husserls Erklärung
bleibt vage: Das Sollen entspricht »[...] einer Rechtsprechung über Gültigkeit oder
Ungültigkeit, nach prätendierten Normen von absoluter Geltung.«4
Der letzte Teilsatz bildet die Kontrastfolie, vor der das Programm von Philosophie als strenge
Wissenschaft seine Form gewinnt: Zeitgenössische Wissenschaften und
Weltanschauungsphilosophien nehmen, so Husserl, Stellung unter bloß prätendierten
Normen; die Philosophie tut das auch, muss aber zugleich die Spannung von »prätendiert«
und »absolut« aushalten und bejahen können und zwar »ein für allemal«, wie Husserl in
späteren Texten oft betont5. Wenn es auch zutrifft, dass »das Leben in Entscheidungen des
›Augenblicks‹ besteht, der für Begründungen in wissenschaftlicher Rationalität nie Zeit hat«6
und Husserl an der hier zitierten Stelle der Formalen und transzendentalen Logik noch
zwischen »Leben« und Wissenschaft«, welche dem Leben eine habituelle Willensrichtung
einzuprägen vermag, unterscheidet, hält er eine »Theorie a priori« für die »Vernunftpraxis«7
der kommenden Philosophie aber doch für eher hinderlich. Bekanntlich löst Husserl das
Problem der Normen, die zwar absolut, aber nicht im klassischen Sinne a priori gelten sollen,
mittels der theoretischen Produktion desjenigen Nicht-Ortes, von dem aus der
Phänomenologe Stellung nehmen kann, ohne Anspruch auf einen eigenen Standpunkt zu
erheben8:
8 Die »Standpunktphilosophie« ist ein beliebter Gegner Heideggers in den Frühen Freiburger Vorlesungen.
»Weil die Phänomenologie allein sich selbst und nur durch sich selbst sich bewähren kann, ist jede
7 Ebd.
6 Husserl, Edmund: Formale und transzendentale Logik. Versuch einer Kritik der logischen Vernunft,
Husserliana Bd. XVII, mit ergänzenden Texten hg. v. Paul Janssen, Den Haag 1974, 10.
5 Vgl. bspw. Husserl, Edmund: Erste Philosophie. Zweiter Teil. Theorie der phänomenologischen
Reduktion, Husserliana Bd. VIII, hg. v. Rudolf Boehm, Dordrecht 1996, 9; 30; sowie Husserl, Edmund:
Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge, Husserliana Bd. I, hg. v. Stephan Strasser, Den
Haag 1973, 51.
4 Hua XXV, 56.
3 Husserl, Edmund: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Zweites
Buch: Phänomenologische Untersuchungen zur Konstitution, Husserliana Bd. IV, hg. v. Marly Biemel,
Den Haag 1952, 213.
2 Husserl, Edmund: Aufsätze und Vorträge (1911–1921), Husserliana Bd. XXV, mit ergänzenden Texten hg.
v. Thomas Nenon u. Hans Rainer Sepp, Dordrecht 1987, 56.
1
»Vielmehr alle Stellungnahmen deines bisherigen außerphänomenologischen Lebens
inhibierst du. Du vergißt keine, du siehst nicht von ihnen weg, du machst dich nicht für
sie blind. Im Gegenteil. Sie werden dein großes Thema bilden.«9
Trotz der Inhibition aller Stellungnahmen entspricht das Sollen mitsamt aller möglichen
ethischen Konnotationen und Implikationen10 –, das dem anfangenden Phänomenologen als
Leitfaden dient, derjenigen radikalen Besinnung, die es erlaubt, »die letzten Möglichkeiten
und Notwendigkeiten [zu] suchen, von denen aus wir zu den Wirklichkeiten urteilend,
wertend, handelnd Stellung nehmen können.«11
a) Stellungnahme und Einstellung
Rudolf Boehm diagnostiziert in Philosophie als strenge Wissenschaft diesbezüglich eine
gewisse »Zweideutigkeit«, sofern »diese Stellungnahme Husserls ihrerseits nicht anders als
bloß weltanschaulich motiviert zu sein [vermag]«12 – laut Husserl gilt ja, dass die Philosophie
»als Wissenschaft noch keinen Anfang genommen«13 hat. Über die Notwendigkeit,
Rechtmäßigkeit und Möglichkeit einer streng wissenschaftlichen Philosophie könnte, so
Boehm, unter diesen Umständen nur auf Grundlage einer Weltanschauung entschieden
werden; das von Husserl postulierte Ideal käme gerade darin zum Ausdruck, dass es sich als
Ideal nicht selbst begründen könnte, sondern darauf angewiesen bliebe, vom anfangenden
Philosophen »die persönliche Geltung eines Endzweckes als Lebenszweckes«14 erteilt zu
bekommen. Wenn alles Leben Stellungnehmen ist, kann der Lebenszweck nur ein weiteres
Sollen sein, ebendieses Sollen ist aber zweideutig darin, dass es zugleich als absolute Norm
eine universale Wissenschaft soll begründen können.
Augenscheinlich lässt sich Husserls Text kein Kriterium entnehmen, anhand dessen sicher
zwischen einer bloß prätendierten Norm und einer Norm mit absoluter Geltung unterschieden
werden kann. Während Boehm im so bezeichneten Dilemma eine Paradoxie vermutet15,
erweist sich die Zweideutigkeit des philosophischen Sollens unter einem anderen
Gesichtspunkt16 als sehr nützlich. Um diesen Gesichtspunkt herauszustellen, ist nach den
Voraussetzungen zu fragen, unter denen von ›Stellungnehmen‹ die Rede war. Hier gilt: Damit
16 Anders als auf Standpunkte kann der Philosoph auf Gesichtspunkte sicher nicht verzichten, wie Boehm
treffend bemerkt: »Jeder Gesichtspunkt beschränkt die Sicht. Doch bedarf es eines Gesichtspunktes,
um überhaupt etwas zu sehen.« (Boehm, Vom Gesichtspunkt der Phänomenologie, 217)
15 Boehm, Vom Gesichtspunkt der Phänomenologie, 41.
14 Hua VIII, 12.
13 Hua XXV, 4.
12 Boehm, Rudolf: Vom Gesichtspunkt der Phänomenologie. Husserl-Studien, Phaenomenologica 26, Den
Haag 1968, 36.
11 Hua XVII, 10.
10 Zu Reichweite und Grenzen des Ideals strenger Wissenschaft auf dem Gebiet der Ethik vgl. Loidolt,
Sophie: Fünf Fragen an Husserls Ethik aus gegenwärtiger Perspektive, in: Verena Mayer et al. (Hg.):
Die Aktualität Husserls, Freiburg/München 2011, 301–336.
9 Hua VIII, 424.
Standpunktnahme eine Sünde wider ihren eigensten Geist. Und die Todsünde wäre die Meinung, sie
selbst sei ein Standpunkt.« (Heidegger, Martin: Zur Bestimmung der Philosophie. GA 56/57,
II. Abteilung: Vorlesungen, Frankfurt a. M. 1999, 110).
2
alles Stellungnehmen unter einem Sollen stehen können soll, muss über dem Stellungnehmen
eine Einstellung stehen. In diesem Sinne ruft jede Stellungnahme implizit die Frage nach
derjenigen Einstellung auf, die ihr als Norm gelten soll. Wenn naturwissenschaftliche
Stellungnahmen sich von skeptischer Kritik aus den Reihen der Weltanschauungsphilosophie
bedroht fühlen müssen, dann deshalb, weil sie sich je unter ein nur scheinbar absolutes Sollen
gestellt haben: unter eine »methodische Einstellung«, die, »gewohnheitsmäßig geübt, zur
Unfähigkeit, in andere Einstellungen überzugehen«17 degeneriert ist.
Was die Weltanschauungsnot hervorruft und dem Philosophen seine Lebensaufgabe gibt, ist
deshalb nicht das Stellungnehmen per se, sondern letzteres ist gerade umgekehrt die
unvermeidbare Antwort auf die Suche »nach neuen Formen, in denen die unbefriedigte
Vernunft sich freier entfalten könnte«18, die Husserl in seiner Freiburger Antrittsrede von
1917 ausruft. Ob es sich bei Husserls Text nur um eine weitere Stellungnahme handelt, die
sich unter das eigentlich relative Ideal strenger Wissenschaft stellt, hängt also davon ab,
ob sich eine solche Unfähigkeit zum Einstellungswechsel in Husserls Text belegen lässt
etwa in der Gestalt einer »transzendentalen Naivität«19 als Reproduktion derjenigen
operativen Scheuklappen, die Husserl seinen Gegnern vorwirft.
Das Fehlen des Kriteriums zur Unterscheidung von relativer und absoluter Geltung, dem
Husserl nur mit einem teleologisch aufgeschobenen Ideal begegnen kann, wird von Husserl
selbst nicht thematisiert. Was aber sehr wohl thematisch wird, ist Husserls eigener
Gesichtspunkt und seine Begrenztheit. Tatsächlich nimmt Husserl den Einwand Boehms,
nach dem Husserls Gesichtspunkt anhand des Textes nicht von einem individuellen
Standpunkt zu unterscheiden ist, vorweg: »Von vornherein sei zugestanden, daß vom
Standpunkt der philosophischen Individuen aus eine allgemeingültige praktische
Entscheidung für die eine und andere Art des Philosophierens nicht gegeben werden kann.«20
Indem Husserl diese perspektivische Relativität des eigenen Standpunktes mehrfach
thematisiert, nimmt er mehrfach Stellung jeweils zu diesem Standpunkt. Der Wechsel der
Stellungnahmen, den Husserl in Philosophie als strenge Wissenschaft vorführt, impliziert
zweierlei: Erstens die offengehaltene Möglichkeit eines umgreifenden Einstellungswechsels
und zweitens die Möglichkeit, dass der Begriff »Stellungnehmen« in seiner Funktion für
Husserls Text am besten zu verstehen ist, wenn er in derselben Zweideutigkeit aufgefasst
wird, die auch dem Text als Ganzem und Husserls eigenem Standpunkt zukommt. Das
Verhältnis des philosophierenden Individuums zum Ideal strenger Wissenschaft wäre
dementsprechend eines, das sich im aufmerksamen Wechsel zwischen der Überzeugung von
der absoluten Geltung dieser Norm und dem Zweifel an seiner Realisierbarkeit vollzöge.
Dieses Verhältnis, das sich je nur im Einstellungswechsel aktualisiert, kann dann entweder
ausgelegt werden als das zwischen natürlicher und phänomenologischer Einstellung oder:
20 Hua XXV, 53.
19 Das ist eine ständige Sorge von Husserl und Fink in der späten Freiburger Zeit, vgl. etwa Hua XXXIV,
108 und Fink, Eugen: VI. Cartesianische Meditation. Teil 1. Die Idee einer transzendentalen
Methodenlehre, Husserliana Dokumente Bd. II/I, hg. v. Hans Ebeling et al., Dordrecht 1988, 5.
18 Hua XXV, 68.
17 Hua XXV, 57.
3
Das Wechselverhältnis entspricht, in einem noch näher zu bestimmenden Sinne, selbst der
transzendental-phänomenologischen Einstellung, womit Husserls Stellungnahme sich nicht
als durch habituelle Scheuklappen begrenzter und relativierter Standpunkt, sondern als
wahrhaft philosophisches Stellungnehmen qualifizieren würde. Darin liegt die Produktivität
der von Boehm diagnostizierten Zweideutigkeit.
Dennoch gilt: Was Husserl in Philosophie als strenge Wissenschaft fordert, entspricht nicht
dem, was er tut. Man könnte ihm, eine Kritik Ricœurs an Heidegger aufgreifend, eine »voie
courte«21, einen kurzen Weg zum Sollen, vorwerfen: Die Behauptung des Ein-für-allemal und
der radikalen Andersheit der phänomenologischen Wissenschaft wird ständig performativ
durchkreuzt, indem Husserl sie als Wissenschaft und Lebensform in die Reihe der zu
verwerfenden Weltanschauungen einreiht. Kurz gesagt handelt es sich um das Problem der
Habitualisierbarkeit der phänomenologischen Einstellung, also die Frage, wie die
phänomenologische Einstellung zu bestimmen ist, damit sie nicht nur als einmalige
Berufung, sondern als dauerhafter Beruf geübt und gelebt werden kann: »Was ist das,
Dasein, Leben in natürlicher Einstellung, und was ist im Kontrast dazu Dasein, Leben in der
Einstellung der Epoché22
b) Die phänomenologische Einstellung
Die Schwierigkeit einer kurzen Antwort auf die Frage nach dem Anfang der Phänomenologie
wird von Husserl immer wieder mit dem Grenzbegriff »Willensentschluß« markiert. Es gilt:
»Einstellung, allgemein gesprochen, besagt einen habituell festen Stil des Willenslebens in
damit vorgezeichneten Willensrichtungen oder Interessen, in den Endzwecken, den
Kulturleistungen, deren gesamter Stil also damit bestimmt ist.«23 Während die natürliche
Einstellung, die der anfangende Phänomenologe verlassen will, aber überhaupt »keine
Willenseinstellung« ist, da mit ihr noch keine »einheitliche thematische Richtung auf die
Welt genommen«24 ist, sind »[a]lle anderen Einstellungen [...] auf diese natürliche
zurückbezogen als Umstellungen«25. Das gilt auch und in besonderer Schärfe für die
phänomenologische Einstellung.
Der Willensentschluss, der zur phänomenologischen Einstellung führt, unterscheidet sich von
anderen Berufsentscheidungen weniger durch seine Universalität oder Dauerhaftigkeit als
durch die Anstrengung, derer sein erstmaliger Vollzug bedarf. Es handelt sich um eine
»künstliche[] Einstellung«, ein »Widerspiel der Natur«26. Nach dem Entschluss muss »die
26 Hua IV, 180.
25 Hua VI, 327.
24 Hua XXXIV, 67. Der Begriff »Generalthesis« bezeichnet überhaupt keine Stellungnahme; vgl. Boehm,
Rudolf: Vom Gesichtspunkt der Phänomenologie. Zweiter Band. Studien zur Phänomenologie der
Epoché, Phaenomenologica 83, Den Haag 1981, 68–71.
23 Husserl, Edmund: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie.
Eine Einleitung in die phänomenologische Philosophie, Husserliana Bd. VI, hg. v. Walter Biemel, Den
Haag 1954, 326.
22 Husserl, Edmund: Zur phänomenologischen Reduktion. Texte aus dem Nachlass (1926–1935),
Husserliana Bd. XXXIV, hg. v. Sebastian Luft, Dordrecht 2002, 311.
21 Ricœur, Paul: »Existenz und Hermeneutik«, in: Ders.: Hermeneutik und Strukturalismus. Der Konflikt der
Interpretationen I, München 1973, 11–36; 14.
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