
– »Alles Leben ist Stellungnehmen, alles Stellungnehmen steht unter einem Sollen [...].«2 –
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I. Husserls »kurzer Weg« zum Sollen
»Alles Leben ist Stellungnehmen«: Wenn zum Leben mindestens ein Ich gehört und »das Ich
im eigentlichen Sinne, das Ich der ›Freiheit‹, das aufmerkende, betrachtende, vergleichende,
unterscheidende, urteilende, wertende, angezogene, abgestoßene, zugeneigte, abgeneigte,
wünschende und wollende: das in jedem Sinne ›aktive‹, stellungnehmende Ich«3 ist, ist dieser
Grundsatz selbstverständlich. Fraglicher ist die zweite Hälfte des Satzes: »[A]lles
Stellungnehmen steht unter einem Sollen«. Ein Stellungnehmen, das sich nicht auf die Sphäre
geltungsbetroffener Urteile beschränkt, sondern sogar das bloße Betrachten umfasst, fordert
einen entsprechend weiten Begriff von Sollen, der einer Erklärung bedarf. Husserls Erklärung
bleibt vage: Das Sollen entspricht »[...] einer Rechtsprechung über Gültigkeit oder
Ungültigkeit, nach prätendierten Normen von absoluter Geltung.«4
Der letzte Teilsatz bildet die Kontrastfolie, vor der das Programm von Philosophie als strenge
Wissenschaft seine Form gewinnt: Zeitgenössische Wissenschaften und
Weltanschauungsphilosophien nehmen, so Husserl, Stellung unter bloß prätendierten
Normen; die Philosophie tut das auch, muss aber zugleich die Spannung von »prätendiert«
und »absolut« aushalten und bejahen können – und zwar »ein für allemal«, wie Husserl in
späteren Texten oft betont5. Wenn es auch zutrifft, dass »das Leben in Entscheidungen des
›Augenblicks‹ besteht, der für Begründungen in wissenschaftlicher Rationalität nie Zeit hat«6
und Husserl an der hier zitierten Stelle der Formalen und transzendentalen Logik noch
zwischen »Leben« und Wissenschaft«, welche dem Leben eine habituelle Willensrichtung
einzuprägen vermag, unterscheidet, hält er eine »Theorie a priori« für die »Vernunftpraxis«7
der kommenden Philosophie aber doch für eher hinderlich. Bekanntlich löst Husserl das
Problem der Normen, die zwar absolut, aber nicht im klassischen Sinne a priori gelten sollen,
mittels der theoretischen Produktion desjenigen Nicht-Ortes, von dem aus der
Phänomenologe Stellung nehmen kann, ohne Anspruch auf einen eigenen Standpunkt zu
erheben8:
8 Die »Standpunktphilosophie« ist ein beliebter Gegner Heideggers in den Frühen Freiburger Vorlesungen.
»Weil die Phänomenologie allein sich selbst und nur durch sich selbst sich bewähren kann, ist jede
7 Ebd.
6 Husserl, Edmund: Formale und transzendentale Logik. Versuch einer Kritik der logischen Vernunft,
Husserliana Bd. XVII, mit ergänzenden Texten hg. v. Paul Janssen, Den Haag 1974, 10.
5 Vgl. bspw. Husserl, Edmund: Erste Philosophie. Zweiter Teil. Theorie der phänomenologischen
Reduktion, Husserliana Bd. VIII, hg. v. Rudolf Boehm, Dordrecht 1996, 9; 30; sowie Husserl, Edmund:
Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge, Husserliana Bd. I, hg. v. Stephan Strasser, Den
Haag 1973, 51.
4 Hua XXV, 56.
3 Husserl, Edmund: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Zweites
Buch: Phänomenologische Untersuchungen zur Konstitution, Husserliana Bd. IV, hg. v. Marly Biemel,
Den Haag 1952, 213.
2 Husserl, Edmund: Aufsätze und Vorträge (1911–1921), Husserliana Bd. XXV, mit ergänzenden Texten hg.
v. Thomas Nenon u. Hans Rainer Sepp, Dordrecht 1987, 56.