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orthodoxere Phänomenologie gelten kann, dafür aber hinter dem hermeneutischen Potential von
Ricœurs Entwurf zurückbleiben muss.
I. Hermeneutische Phänomenologie (Ricœur)
Paul Ricœur unterscheidet in »Was ist ein Text?«
aus dem Jahr 1970 im Anschluss an Wilhelm
Diltheys Unterscheidung zwischen Erklären und Verstehen bzw. Interpretation zwei
Möglichkeiten, sich als Leser zu einem Text zu verhalten: erstens die strukturale Analyse, die
von den Bezügen des Textes zur textäußeren Welt absieht, den Text in der Schwebe zwischen
referentiellen Bezügen und lesenden Subjekten hält und von seiner »Geschlossenheit« [clôture]
ausgeht
; zweitens die Interpretation, die durch »Realisierung der semantischen Möglichkeiten
des Textes« den »Diskurs des Textes in einer Dimension vollendet, die jener des Sprechens
ähnlich ist«
.
Aus der gegenseitigen dialektischen Verwiesenheit beider Lektürehaltungen ergibt sich für
Ricœur eine »reflexive[] Hermeneutik«
, die er in seinem programmatischen Aufsatz
»Phénoménologie et herméneutique« unter dem Titel hermeneutische Phänomenologie
präsentiert. Diese soll dem Anspruch genügen, »innerhalb der Bewegung der husserlschen
Phänomenologie [...] eine hermeneutische Variante dieser Phänomenologie [zu] sein«.
Dass
es sich bei der hermeneutischen Phänomenologie im hier gefragten Sinne um eine
Phänomenologie des Textes (und nicht etwa um eine allgemeinere Phänomenologie des
Verstehens) handeln muss, ergibt sich aus den bereits 1969 formulierten hermeneutischen
Fragen, die Heideggers hermeneutische Fundamentalontologie Ricœur zufolge nicht
beantworten kann: »Wie kann man [...] der Exegese, das heißt der Auslegung eines Textes, ein
Organon bereitstellen? [...] Wie ist es möglich, im Konflikt der rivalisierenden Interpretationen
einen Schiedsspruch zu fällen?«
Ricœurs hermeneutisches Projekt schließt also nicht
Ricœur, Paul: »Was ist ein Text?« [1970], in: Ders.: Vom Text zur Person. Hermeneutische Aufsätze (1970–
1999), hg. v. Peter Welsen, Hamburg: Meiner Verlag 2005, 79–108.
Ricœur, »Was ist ein Text?«, 90.
Ricœur, »Was ist ein Text?«, 100.
Ricœur, »Was ist ein Text?«, 99.
Ricœur, Paul: »De l’interprétation«, in: Ders.: Du texte à l’action. Essais d’herméneutiques II, Paris: Éditions
du Seuil 1986, 11–35; 25. Jean Grondin und Inga Römer zufolge vollzieht Ricœur (und nicht etwa Heidegger)
die »hermeneutische Wendung der Phänomenologie«; vgl. Grondin, Jean: Le tournant herméneutique de la
phénoménologie, Paris: Presses Universitaires de France 2003; und Römer, Inga: »Hermeneutische Wendung«,
in: Alloa, Emmanuel et al. (Hg.): Handbuch Phänomenologie, Tübingen: Mohr Siebeck 2023, 85–94.
Ricœur, Paul: »Existenz und Hermeneutik«, in: Ders.: Hermeneutik und Strukturalismus. Der Konflikt der
Interpretationen I, München: Kösel-Verlag 1973, 11–36; 19. Das bedeutet gerade nicht, dass philosophische
Hermeneutik sich auf Schriftzeugnisse beschränken soll oder kann; die Interpretation als »rationale Arbeit, die
im offenbaren Sinn den verborgenen entschlüsselt« (a.a.O., 22), bezieht sich auf alles Symbolische, also auf jede
»Sinnstruktur, die [...] etwas zugleich verbirgt und enthüllt« (ebd.).