Hermeneutik oder Reflexionslogik? Phänomenologie des Textes

Telechargé par hanna.hueske
1
Hermeneutik oder Reflexionslogik?
Zur Methodologie einer Phänomenologie des Textes
«Se comprendre, c’est se comprendre devant le texte.»
1
Wer heute eine phänomenologische Methodologie zur Sprache bringen will, hat mindestens
zwei gute Gründe, sich dem Spezialproblem des Verhältnisses zwischen dem
unerschütterlichen Anspruch der Phänomenologie, ihre Forschungsgegenstände im Bereich der
»Sachen selbst« zu finden, und der Vermittlung durch Sprache, das heißt in Bezug auf
Philosophie zunächst und zumeist: das Medium Text, zu stellen: erstens die historisch
gewachsene Herausforderung, eine methodische Selbständigkeit gegenüber sprachanalytischer
Philosophie, Hermeneutik und Dekonstruktion zu behaupten; zweitens das
phänomenologieimmanente Problem des Fehlens einer »transzendentalen Sprache«, das früh
von Eugen Fink bemerkt wurde und an dessen Lösung sich seitdem unter anderen Maurice
Merleau-Ponty und Marc Richir erprobten.
2
Zwei Versuche, mögliche Umgangsweisen mit (philosophischen) Texten in ausdrücklichem
und begründetem Anschluss an die phänomenologische Tradition zu explizieren, werden im
Folgenden vorgestellt und hinsichtlich ihres Antwortpotentials auf die folgenden Fragen
befragt: Wie lässt sich ein Verhalten des Lesers (oder des Autors als ersten Lesers) zu einem
Text als phänomenologisches Verhalten identifizieren? Wodurch lässt sich eine solche
phänomenologische Haltung gegenüber Text von anderen Lektürehinsichten, etwa einer rein
ästhetisch genießenden, einer historisch-kritischen oder einer exegetischen Haltung
unterscheiden?
Hier soll also nicht die systematische Kohärenz und die Durchführbarkeit beider Ansätze
geprüft werden, sondern nur ihr Anspruch, Phänomenologie zu sein. Dabei wird sich zeigen,
dass Paul Ricœurs hermeneutische Phänomenologie zwar Begriffe und Denkfiguren von
Husserl übernimmt, dessen methodisches Grundgerüst aber schließlich nahezu vollständig
aufgibt und ein anderes philosophisches Projekt verfolgt. Demgegenüber wählt Daniel-Pascal
Zorn mit seiner logischen Phänomenologie einen deskriptiven Zugang, der zwar als
1
Ricœur, Paul: »Phénoménologie et herméneutique«, [1974], in: Orth, Ernst-Wolfgang et al. (Hg.):
Phänomenologie heute. Grundlagen- und Methodenprobleme, Phänomenologische Forschungen 1, Verlag Karl
Alber: Freiburg/München 1975, 31–75; 50.
2
Vgl. zu diesem Problem Eugen Finks berühmten Aufsatz »Operative Begriffe in Husserls Phänomenologie«,
in: Zeitschrift für philosophische Forschung, Jul.Sep. 1957, Bd. 11, Heft 3, 321337, sowie die kritische
Problemüberschau in Richir, Marc: Phänomenologische Meditationen. Zur Phänomenologie des Sprachlichen,
Wien: Turia + Kant 2001; S. 367378.
2
orthodoxere Phänomenologie gelten kann, dafür aber hinter dem hermeneutischen Potential von
Ricœurs Entwurf zurückbleiben muss.
I. Hermeneutische Phänomenologie (Ricœur)
Paul Ricœur unterscheidet in »Was ist ein Text?«
3
aus dem Jahr 1970 im Anschluss an Wilhelm
Diltheys Unterscheidung zwischen Erklären und Verstehen bzw. Interpretation zwei
Möglichkeiten, sich als Leser zu einem Text zu verhalten: erstens die strukturale Analyse, die
von den Bezügen des Textes zur textäußeren Welt absieht, den Text in der Schwebe zwischen
referentiellen Bezügen und lesenden Subjekten hält und von seiner »Geschlossenheit« [clôture]
ausgeht
4
; zweitens die Interpretation, die durch »Realisierung der semantischen Möglichkeiten
des Textes« den »Diskurs des Textes in einer Dimension vollendet, die jener des Sprechens
ähnlich ist«
5
.
Aus der gegenseitigen dialektischen Verwiesenheit beider Lektürehaltungen ergibt sich für
Ricœur eine »reflexive[] Hermeneutik«
6
, die er in seinem programmatischen Aufsatz
»Phénoménologie et herméneutique« unter dem Titel hermeneutische Phänomenologie
präsentiert. Diese soll dem Anspruch genügen, »innerhalb der Bewegung der husserlschen
Phänomenologie [...] eine hermeneutische Variante dieser Phänomenologie [zu] sein«.
7
Dass
es sich bei der hermeneutischen Phänomenologie im hier gefragten Sinne um eine
Phänomenologie des Textes (und nicht etwa um eine allgemeinere Phänomenologie des
Verstehens) handeln muss, ergibt sich aus den bereits 1969 formulierten hermeneutischen
Fragen, die Heideggers hermeneutische Fundamentalontologie Ricœur zufolge nicht
beantworten kann: »Wie kann man [...] der Exegese, das heißt der Auslegung eines Textes, ein
Organon bereitstellen? [...] Wie ist es möglich, im Konflikt der rivalisierenden Interpretationen
einen Schiedsspruch zu fällen?«
8
Ricœurs hermeneutisches Projekt schließt also nicht
3
Ricœur, Paul: »Was ist ein Text?« [1970], in: Ders.: Vom Text zur Person. Hermeneutische Aufsätze (1970
1999), hg. v. Peter Welsen, Hamburg: Meiner Verlag 2005, 79108.
4
Ricœur, »Was ist ein Text?«, 90.
5
Ricœur, »Was ist ein Text?«, 100.
6
Ricœur, »Was ist ein Text?«, 99.
7
Ricœur, Paul: »De l’interprétation«, in: Ders.: Du texte à l’action. Essais d’herméneutiques II, Paris: Éditions
du Seuil 1986, 11–35; 25. Jean Grondin und Inga Römer zufolge vollzieht Ricœur (und nicht etwa Heidegger)
die »hermeneutische Wendung der Phänomenologie«; vgl. Grondin, Jean: Le tournant herméneutique de la
phénoménologie, Paris: Presses Universitaires de France 2003; und Römer, Inga: »Hermeneutische Wendung«,
in: Alloa, Emmanuel et al. (Hg.): Handbuch Phänomenologie, Tübingen: Mohr Siebeck 2023, 8594.
8
Ricœur, Paul: »Existenz und Hermeneutik«, in: Ders.: Hermeneutik und Strukturalismus. Der Konflikt der
Interpretationen I, München: Kösel-Verlag 1973, 1136; 19. Das bedeutet gerade nicht, dass philosophische
Hermeneutik sich auf Schriftzeugnisse beschränken soll oder kann; die Interpretation als »rationale Arbeit, die
im offenbaren Sinn den verborgenen entschlüsselt« (a.a.O., 22), bezieht sich auf alles Symbolische, also auf jede
»Sinnstruktur, die [...] etwas zugleich verbirgt und enthüllt« (ebd.).
3
unkritisch an Heidegger an, sondern soll eine bestimmte Variante der husserlschen
Phänomenologie auf dem Umweg der Textinterpretation überwinden: den sogenannten
»husserlschen Idealismus« (l’idéalisme husserlien), den Ricœur an fünf zentralen Thesen
(thèses schématiques) aus dem Nachwort der Ideen I und den Cartesianischen Meditationen
festmacht:
1. Das Ideal der Wissenschaftlichkeit bedeutet für die Phänomenologie etwas anderes als
für die Naturwissenschaften, da ihre Art der »Selbst-Begründung« einer anderen
Ordnung angehört (est d’un autre ordre) und sie nicht deduktiv verfährt.
9
2. Die von der Phänomenologie beanspruchte Letztbegründung (fondation principielle)
kann nur in der Anschauung (l’ordre de l’intuition) aufgesucht werden.
10
3. Nur in der Immanenz der Subjektivität kann die erfüllte und apodiktisch evidente
Anschauung gefunden werden; alles Transzendente ist für Husserl zweifelhaft.
11
4. Die Subjektivität als Gegenstand der empirischen Psychologie kann die hierdurch
geforderte transzendentale Funktion nicht erfüllen.
12
5. Die phänomenologische Reflexion ist ein unmittelbar selbstverantwortlicher Akt
(l’acte immédiatement responsable de soi) der transzendentalen Subjektivität und hat
deshalb neben epistemologischen auch ethische Implikationen.
13
Diesen Thesen der Phänomenologie Husserls stellt Ricœur anschließend jeweils eine
hermeneutische These gegenüber, wodurch er die Grenzen des phänomenologischen
Idealismus pointiert aufzeigen kann obgleich Ricœur sich im Klaren darüber ist, dass sich
Ansätze der hermeneutischen Kritik auch in Husserls eigenen Texten finden lassen.
14
Der
Grundeinwand Ricœurs gegen Husserls Idealismus ist folgender: Die von Husserl für
Phänomenologie als strenge Wissenschaft immer wieder geforderte Voraussetzungslosigkeit
kann erstens nur auf den Umwegen des Verstehens, des Interpretierens und Auslegens erreicht
werden; zweitens würden wenn Husserl diese Umwege gehen würde mit ihnen wiederum
9
Vgl. Ricœur, »Phénoménologie et herméneutique«, 33.
10
Vgl. Ricœur, »Phénoménologie et herméneutique«, 34.
11
Vgl. Ricœur, »Phénoménologie et herméneutique«, 35.
12
Vgl. Ricœur, »Phénoménologie et herméneutique«, 35.
13
Vgl. Ricœur, »Phénoménologie et herméneutique«, 37.
14
In Husserls Krisis sieht Ricœur sogar ein »subversive[s] Unternehmen, das eine Erkenntnistheorie der
Interpretation durch eine Ontologie des Verstehens ersetzen will«; vgl. Ricœur, »Existenz und Hermeneutik«,
17.
4
ontologische Voraussetzungen in den Verstehensprozess eingeführt, wodurch der geforderte
totale Einstellungswechsel mit radikaler Epoché sich als Unmöglichkeit entpuppt.
15
Um zu entscheiden, inwiefern Ricœurs eigener Entwurf bei so radikaler Ablehnung
phänomenologischer Grundvoraussetzungen sich dennoch mit Recht »Phänomenologie«
nennen kann, muss gefragt werden: Welche Voraussetzungen lassen sich in der ricœurschen
Hermeneutik ausmachen, die spezifisch phänomenologisch sind?
Ricœurs positive These lautet, dass das Verhältnis von Phänomenologie und Hermeneutik eines
der »wechselseitigen Zugehörigkeit«
16
(appartenance mutuelle) sei, wobei einerseits beide
Projekte aus historischen Gründen und dem methodischen Anspruch nach auseinanderzuhalten
seien, andererseits jedoch die Phänomenologie nicht ohne hermeneutische Voraussetzungen
und die Hermeneutik nicht ohne ein phänomenologisches Fundament auskomme.
17
Ricœur
expliziert drei solcher vermeintlich phänomenologischen Grundentscheidungen, die von der
Hermeneutik vorausgesetzt werden und daher andere sein müssen als die oben genannten
Charakteristika idealistischer Phänomenologie:
a) Die Entscheidung für den Sinn (le choix pour le sens):
Die wichtigste Gemeinsamkeit von Hermeneutik und Phänomenologie sieht Ricœur in der
Frage nach dem Sinn, auf die jedes Fragen nach Seiendem notwendig führe. Das betrifft nicht
erst Heideggers explizite und wiederholte Frage nach dem Sinn von Sein, sondern bezeichne,
so Ricœur, auch bei Husserl die entscheidende Differenz zwischen wissenschaftlich-
naturalistischer und phänomenologischer Einstellung. Die fundamentale Rolle des Sinnbegriffs
liegt für Ricœur auch darin, dass jeder Kritik, die auf der Ebene der Sprache ansetzt, die
Erörterung des zugrundeliegenden Sinnes des Gesagten vorhergehen müsse. Das liege daran,
dass jeder (hermeneutischen und phänomenologischen) Erfahrung eine prinzipielle
»Sagbarkeit«
18
(dicibilité) zu eigen sei der Sinn ist nicht das Gesagte, aber es gehört zu seinem
Wesen, dass er gesagt werden will. Damit betont Ricœur allerdings einen Aspekt des
Sinnbegriffs, der für Husserls Gebrauch desselben zumindest nicht zentral ist. Für letzteren
bezieht sich Sinn auf den ganzen Bereich intentionaler Erlebnisse, sofern jede Noese ein
noematisches Korrelat hat, und beschränkt sich, genauso wie Bedeutung, nicht auf das Gebiet
15
Vgl. zu Letzterem Schnell, Martin W.: »Ricœur und Merleau-Ponty als Kritiker Husserls«, in: Orth,
Stefan/Breitling, Andris (Hg.): Vor dem Text. Hermeneutik und Phänomenologie im Denken Paul Ricœurs,
Berlin: Technische Universität Berlin 2002, 39–50; 41.
16
Ricœur, »Phénoménologie et herméneutique«, 32.
17
Ricœur, »Phénoménologie et herméneutique«, 32.
18
Ricœur, »Phénoménologie et herméneutique«, 53.
5
des möglichen (sprachlichen) Ausdrucks und noch weniger auf den Text als wesentlichen
Sinnträger. Dementsprechend gesteht Ricœur zu, dass der phänomenologische Sinnbegriff auch
in den Logischen Untersuchungen bereits weniger an die Sprache als vielmehr an die
Intentionalität als Wesensstruktur des Bewusstseins gebunden sei.
19
Hier zeigt sich allerdings
bereits die implizite Grenze von Ricœurs Parallelisierung: Dem frühen Husserl wirft er vor,
dass in den Logischen Untersuchungen »der Sinn von Sein selbst wieder auf ein bloßes Korrelat
der subjektiven Intentionalität reduziert wird«
20
. Wenn Ricœur anschließend erfreut bemerkt,
dass sich der Vorrang des Sinnes in der Phänomenologie letztlich gegen den Vorrang des
Bewusstseins behaupten konnte, kann damit nicht mehr die husserlsche Phänomenologie
gemeint sein, für die das intentional strukturierte Bewusstsein als letztes Fundament und
notwendige Bedingung jeder Sinngebung
21
vorhergeht. Für Ricœur gilt das nicht, sondern Sinn
ist gerade im Kontext der Hermeneutik etwas, das zunächst durch Text vermittelt wird.
„Intention“ bezeichnet dann nicht eine Struktur, an der sich Wesensgesetze explizieren ließen,
sondern eine Absicht, die sich in einer „intentionalen Exteriorisierung“
22
entfaltet und dort in
einer „Tiefensemantik“ terminiert:
Der Text will uns in seinen Sinn [sens], das heißt nach einer anderen Bedeutung des
Wortes ‘Sinn’ [sens] in die gleiche Richtung [direction] bringen. Wenn die Intention also
Intention des Textes ist, und wenn diese Intention die Richtung ist, die sie für das Denken
eröffnet, muß man die Tiefensemantik als einen grundlegend dynamischen Sinn
verstehen.”
23
b) Der methodische Rückgriff auf die Distanzierung (recours à la distanciation):
Teil des hermeneutischen Grundproblems ist für Ricœur die Frage nach dem Verhältnis von
Zugehörigkeit (appartenance) zu einem Kontext, etwa der husserlschen Lebenswelt oder dem
historischen Traditionszusammenhang, und der immer notwendigen Distanzierung
(distanciation) aufseiten des Verstehenden. Dieses dialektische Verhältnis wird in besonderem
19
Husserl bleibe also bei der »Unterordnung des logischen Begriffs der Bedeutung unter den universellen
Begriff des Sinnes, unter der Leitidee des Konzepts der Intentionalität« (Ricœur, »Phénoménologie et
herméneutique«, 54) stehen.
20
Ricœur, »Existenz und Hermeneutik«, 18.
21
Das ist die phänomenologische, nicht aber hermeneutische Konsequenz aus der »stets problematischen
Inadäquatheit der sprachlichen Ausdrücke, derer sich das phän[omenologisierende] Ich bedienen muss []:
Phänomenologische Sätze können demnach nur verstanden werden, wenn die Situation der Sinngebung des
transzendentalen Satzes immer wiederholt wird, d. h. wenn die prädikativen Explikate immer wieder an der
phänomenologisierenden Anschauung verifiziert werden. « (Fink, Eugen: VI. Cartesianische Meditation. Teil I:
Die Idee einer transzendentalen Methodenlehre (Husserliana Dokumente Bd. II/1), Dordrecht u.a. 1988; 101).
22
Ricœur, Paul: »Der Text als Modell. Hermeneutisches Verstehen«, in: Bühl, Walter L. (Hg.): Verstehende
Soziologie. Grundzüge und Entwicklungstendenzen, München: Nymphenburger Verlagshandlung 1972, 252
283; 257.
23
Ricœur, »Was ist ein Text?«, 103.
1 / 17 100%
La catégorie de ce document est-elle correcte?
Merci pour votre participation!

Faire une suggestion

Avez-vous trouvé des erreurs dans l'interface ou les textes ? Ou savez-vous comment améliorer l'interface utilisateur de StudyLib ? N'hésitez pas à envoyer vos suggestions. C'est très important pour nous!